Partizipation im Quartier stärken

Auftaktveranstaltung des Projektes PartQ – Aufsuchende politische Bildung im Quartier

Die soziale Segregation in deutschen Städten nimmt zu, was die betroffenen Wohnquartiere vor neue Herausforderungen stellt. Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie der demografische Wandel, Migration sowie die regional ungleiche wirtschaftliche Entwicklung können zu Konflikten und Polarisierungsprozessen führen, die das Zusammenleben in den Quartieren erschweren. Doch ermöglicht die neue Diversität an Generationen und Lebensstilen auch die Chance, neue Formen von Gemeinschaft und Solidarität herzustellen. Aufsuchende politische Bildung kann hier einen produktiven Beitrag leisten, Potenziale und Ressourcen in den Quartieren zu nutzen und durch demokratiefördernde Bildungsarbeit Veränderungsprozesse anzustoßen.

Aufbauend auf Ergebnissen verschiedener Vorgängerprojekte hat sich das Projekt PartQ zum Ziel gesetzt, die Entwicklung und Umsetzung von Ansätzen der aufsuchenden politischen Bildung in Modellquartieren in verschiedenen deutschen Städten zu fördern, zu begleiten und zu evaluieren. Nachdem in den Modellquartieren Analysen zu Bedarfen, Themen und Akteuren durchgeführt wurden, sollen darauf aufbauend und in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren Partizipationsansätze und politische Bildungskonzepte entwickelt und umgesetzt werden.

Folgende Modellquartiere werden an der ersten von zwei Projektrunden beteiligt: Berlin Märkisches Viertel, Braunschweig Weststadt, Duisburg Neuenkamp, Halle Silberhöhe, Ingolstadt Piusviertel und Rostock Toitenwinkel.

Datum:

15.06.2021

Kontakt:

Maëlle Dubois
m.dubois@minor-wissenschaft.de

Begrüßung und Projektvorstellung

Die Auftaktveranstaltung des Projektes PartQ – Aufsuchende politische Bildung im Quartier beginnt mit einer Begrüßung von Arne Busse von der Bundeszentrale für politische Bildung, der die Wichtigkeit von Begegnung und sozialem Miteinander im Sozialraum Quartier betont. Besonders in dem Bereich unterhalb der kommunalen Ebene findet das soziale Miteinander statt und die relevanten gesellschaftlichen Fragen sollten hier adressiert werden, was den Kern von aufsuchender politischer Bildung darstellt. In diesem Sinne liegt die Stärke des Projektes PartQ in der Zusammenarbeit von Quartiersmanagement und politischer Bildung.

Christian Pfeffer-Hoffmann als Leitung von Minor fährt mit einleitenden Worten zur Veranstaltung fort, stellt den Veranstaltungsablauf vor und übergibt das Wort an Maëlle Dubois, die als Projektleitung eine ausführliche Projektvorstellung vornimmt und unter anderem auf Inhalte und Ziele eingeht. Ziele sind die Stärkung des Zusammenlebens und der Teilhabe und die Prävention von Radikalisierung und Konflikten. Dies soll durch die Verankerung von Ansätzen der aufsuchenden politischen Bildung in den Modellquartieren erfolgen. Um politische Bildungsprojekte in den Quartieren zu entwickeln und umzusetzen, kollaboriert PartQ mit lokalen Akteuren der Wohnungswirtschaft, der politischen Bildung, der Quartiersmanagements und weiteren wichtigen Partnern der Quartiersentwicklung.

Aufsuchende politische Bildung im Quartier: Reflexionen aus Duisburg Neuenkamp

In dem anschließenden Programmpunkt stellen zunächst Anne von Oswald und Wassili Siegert die Vorgängerprojekte und -studien von Minor (die Studie im Auftrag des Gesamtverbandes der Wohnungswirtschaft und das Projekt Konflikt<>Quartier<>Zusammenleben) vor, die zur Kernfrage des Projekts PartQ geführt haben: Welchen Beitrag kann aufsuchende politische Arbeit im Rahmen von Quartiersarbeit leisten? Für die Diskussion dieser Frage diskutieren Frau von Oswald und Herr Siegert mit Astrid Jonkmanns, Quartiersmanagerin des kommunalen Wohnungsunternehmens GEBAG und Lars Meyer von der Demokratiewerkstatt Krefeld.

Im Gespräch berichtet Astrid Jonkmanns aus Duisburg Neuenkamp. Die GEBAG setze zur Stärkung des Zusammenlebens in Neuenkamp zentral auf die Schaffung von Räumen der Zusammenkunft, beispielsweise eines Kindercafés oder kostenfreier Vereinsräume, um die Beteiligung der Bewohner*innen dauerhaft zu stärken. Diese niedrigschwelligen Beteiligungsangebote schaffen eine gemeinsame Grundlage zur Entwicklung von übergreifenden, gemeinschaftlichen Dialogforen im Quartier.

Lars Meyer stellt die Beteiligung möglichst aller, diverser Bewohner*innen und Akteure sowie die demokratische Gestaltung des Prozesses in den Mittelpunkt. Ziel sei das Nachdenken über die Formen gemeinschaftlicher Gestaltung der Zukunft im Quartier, um zu einem „lernenden Quartier“ zu kommen. Die politische Bildung habe die Rolle, mit einer offenen und fragenden Haltung verschiedene Prozesse anzustoßen und zu begleiten, die Motivationen der einzelnen Teilnehmenden zu erarbeiten und in gemeinsames Handeln zu übersetzen.

Beide sind sich einig, dass aufsuchende politische Bildung einen begleitenden, stärkenden Charakter für Akteur*innen im Kiez einnimmt und quer zu bestehenden Strukturen der Gemeinwesenarbeit einen längerfristigen, inklusiven und offenen Prozess zum Ziel hat. Auch das Element des Spiels zur politischen Aktivierung und Ansprache wird als niedrigschwelliger Einstieg in einen Dialog der Menschen im Stadtteil beiderseits betont.

Projektvorstellung

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Wordcloud: Nachbarschaftliches Zusammenleben bedeutet für mich…

Wordcloud: Was verbinden Sie mit politischer Bildung im Quartier?

Arbeitsgruppe 1 – Quartiersgemeinschaften im Wandel

Das Ziel der ersten Arbeitsgruppe ist es zunächst, den Zusammenhang von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und den lokalen Veränderungen in verschiedenen Quartieren herzustellen. Nach einer grundlegenden Definition der Begriffe „Quartier“ und „Quartiersgemeinschaft“, befassen sich die Teilnehmenden mit der Frage, welche Veränderungen in Quartieren in den letzten zehn Jahren zu beobachten sind. Es wird diskutiert, dass zum einen eine sinkende Tendenz gemeinschaftlicher Aktivitäten, weniger Austausch zwischen Bevölkerungsgruppen und ein Anstieg an Konflikten zu verzeichnen sei, zum anderen auch benachteiligte Quartiere zunehmend „verbürgerlicht“ würden und damit eine Stabilisierung einhergehe. Im zweiten Teil der AG widmen wir uns dem Zusammenhalt im Quartier. Die auf den Kopf gestellte Frage „Wie können wir den Zusammenhalt in den Quartieren zerstören?“ löst eine kontroverse Diskussion zum Ideal der sozialen Mischung gegenüber sozialer Trennung aus. Es wird konstatiert, dass sozial homogene Quartiere weniger konfliktreich seien. Dem wird entgegengesetzt, dass eine Homogenisierung sozialer Gruppen, also eine starke soziale Segregation innerhalb der Gesamtstadt verhängnisvoll für ein schichten- und milieuübergreifendes Zusammenleben wäre.

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Arbeitsgruppe 2 – Beteiligte der Quartiersgestaltung

Die zweite Arbeitsgruppe befasst sich mit den an der Quartiersgestaltung Beteiligten und fragt zunächst erstmal, was Quartiersgestaltung bedeutet. Der Begriff Quartiersgestaltung ist so vielfältig, wie es Akteure im Quartier gibt. Dennoch geht es immer um Möglichkeiten und Räume der Mitgestaltung. Dazu gehört auch die Aktivierung und Empowerment, um Menschen für Quartiersgestaltung zu gewinnen. Im zweiten Schritt steht die Frage im Vordergrund, wer das Quartier gestaltet. Auch dies ist wieder eine Frage der Perspektive. Neben offensichtlichen Antworten wie z. B. Kommunalpolitik, Sozialträgern, Ehrenamtlichen, Vermieter*innen oder Bildungseinrichtungen gibt es auch die Perspektive, dass alle Menschen, die sich in einem Quartier bewegen, es zwangsläufig mitgestalten. Dennoch gibt es Bewohner*innen, die stärker in eine aktive Mitgestaltung eingebunden werden sollten. Wie dies zu realisieren ist, ist die letzte Frage. Die Teilnehmenden sammeln diverse Ideen, die es mehr Menschen ermöglichen sich zu beteiligen. Gemeinsame Orte der Begegnung, Vernetzung und Beteiligung sind enorm wichtig sowie ein integriertes Beteiligungskonzept, an dem viele Akteure im Quartier mitwirken.

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Arbeitsgruppe 3 – Partizipationsmöglichkeiten im Quartier

Die dritte Arbeitsgruppe beschäftigt sich eingangs mit dem Begriff von Partizipation. Einig sind sich die Teilnehmenden, dass Partizipation auf das Gemeinsame und das Miteinander abzielt: Synonyme wie Mitgestaltung, Mitwirkung werden bspw. angegeben. Als Beispiele für bestehende Partizipationsmöglichkeiten in den von ihnen bekannten Quartieren, erwähnen die Teilnehmenden zunächst vorrangig formale Gremien (Runder Tisch, Quartiersrunde usw.) sowie etablierte Begegnungsorte. Mit einem breiteren Blick werden jedoch auch alternative und niedrigschwellige Partizipationsmöglichkeiten genannt, oft mit spielerischem oder kreativem Charakter, wie z. B. ein Tanzcafé oder ein Fotowettbewerb. Schließlich rücken geschützte Räume wie Läden, Community-Vereine oder religiöse Gemeinschaften in den Fokus, die durch Öffnung und Begegnung zum Ausgangspunkt für eine breitere Partizipation werden. Wichtig dabei ist, alle Partizipationsmöglichkeiten ganzheitlich zu betrachten und ein Gleichgewicht zwischen formalen und alternativen Partizipationsmöglichkeit zu erreichen. Auch sollen Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Ideen aller Bewohner*innen geschafft werden.

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Arbeitsgruppe 4 – Digitale Nachbarschaften

In der vierten Arbeitsgruppe geht es zunächst um die Formen von digitalen Nachbarschaften. Diese sind vielfältig vorhanden für verschiedene Nutzergruppen und Zwecke der Verwendung. Zum Beispiel lassen sich hier soziale Plattformen wie Facebook oder Instagram nennen, die unter anderem zum nachbarschaftlichen Austausch und der Vernetzung genutzt werden. Wohnungsunternehmen setzen vermehrt auf digitale Tools wie Mieter-Apps, um der Mieterschaft einen einfachen Weg der Kontaktaufnahme zu ermöglichen. Weitere Formen digitaler Nachbarschaft sind Infotafeln, nebenan.de oder Whatsapp. Anschließend werden Vor- und Nachteile von digitalen Tools im Quartierleben diskutiert und festgestellt, dass ein Vorteil auch manchmal ein Nachteil sein kann. Eine große Schwierigkeit und öfters eine Hürde für Anbieter*innen von digitalen Angeboten ist das Thema Datenschutz, das viele Akteure im Quartier abschreckt, eigene digitale Tools anzubieten. Letztendlich gibt es viele Vorteile der Digitalisierung in der Nachbarschaft, da Prozesse optimiert und das Leben vereinfacht werden kann. Die Gefahr besteht jedoch, dass der Kontakt unpersönlicher wird und Begegnungen erschwert werden.

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Abschließende Diskussion

Zum Abschluss der Veranstaltung präsentieren und diskutieren die Teilnehmenden die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen in einer digitalen Fishbowl-Diskussion. Es wird deutlich, dass die Teilnehmenden aus den verschiedensten Ecken Deutschlands sich weitestgehend mit ähnlichen Problemen konfrontiert sehen und sie sich ähnliche Fragen stellen. Wie ist es möglich die Teilhabe-Strukturen im Quartier zu stärken? Mit welchen Mitteln kann zu mehr Verständigung und Austausch im Quartier beigetragen werden? Wie können der Zusammenhalt und die Solidarität im Quartier gefördert werden? Dies sind Fragen, zu denen es bereits viele Ideen gibt, die das Projekt PartQ in den nächsten vier Jahren weiterverfolgen möchte.

Diese Veranstaltung findet im Rahmen des Projektes PartQ – Aufsuchende politische Bildung im Quartier statt.

Das Projekt wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.