Praxisforum II Aufsuchende politische Bildung im Quartier

Perspektiven auf gesellschaftliche Herausforderungen im Quartier

Im zweiten Praxisforum Aufsuchende politische Bildung im Quartier diskutieren verschiedene Akteurinnen und Akteure der sozialen Quartiersentwicklung und der politischen Bildung über Perspektiven auf gesellschaftliche Herausforderungen im Quartier.

Herausforderung „Müll im Quartier“

Anhand einer konkreten Problemstellung, mit der viele Quartiere in Deutschland konfrontiert sind, werden Interessen, Perspektiven und Herangehensweisen unterschiedlicher Akteur:innen im Quartier herausgearbeitet und die spezifische Rolle und Bedeutung von politischer Bildung besprochen.

Die Teilnehmenden werden in drei Gruppen eingeteilt, die nach Arbeitsbereichen getrennt sind. In Gruppe Eins kommen die Vertreter:innen der Wohnungswirtschaft und der sozialen Stadtentwicklung zusammen. Gruppe Zwei besteht aus den Quartiersmanagements, der Gemeinwesenarbeit und den Stadtverwaltungen und in Gruppe Drei sitzen Vertreter:innen der politischen Bildung. Alle drei Gruppen setzen sich mit folgender Problemstellung auseinander:

Grüntal ist ein Stadtviertel am Rande einer Großstadt in Deutschland. Eine Umfrage unter Bewohnerinnen und Bewohnern hat ergeben, dass die Unzufriedenheit im Quartier groß ist. Als einer der Gründe für die Unzufriedenheit wird der viele Müll genannt, der das Viertel weniger lebenswert mache. Die Parks seien vermüllt, in den Straßen liege seit Wochen nicht abgeholter Sperrmüll und die zentralen Müllsammelorte der Großwohnsiedlung quellen regelmäßig über. Der Müll sorgt auch für Konflikte im Quartier. Die Alten geben den Jungen die Schuld, die Alteingesessenen machen die Neuzugezogenen verantwortlich.“

Die Gruppen setzen sich damit auseinander, was sie bezogen auf ihre Profession tun können, um der Herausforderung „Müll im Quartier“ zu begegnen. Die Diskussionen in den verschiedenen Arbeitsgruppen machen deutlich, dass die Strategien und Lösungsansätze der Akteur:innen sehr unterschiedlich sind, um dieser Herausforderung zu begegnen. Einig sind sich alle Gruppen, dass eine einseitige Herangehensweise kontraproduktiv ist.

Die Gruppe der Wohnungswirtschaft und der sozialen Stadtentwicklung legt den Blick darauf, ob Müll im öffentlichen Raum (Verantwortung Müllabfuhr) oder im Privatgebiet des Unternehmens liegt. Ist letzteres der Fall, besteht die rechtliche Verpflichtung des Vermieters den Müll zu entsorgen und die Kosten werden in der Regel auf Mieter:innen umgelegt. Zusätzlich besteht eine soziale Verantwortung, die durch Ansprechbarkeit und Kommunikation erfüllt und durch Aktionen aus der Mieter:innenschaft wie Müllsammelaktionen oder Protestaktionen von Kindern unterstützt wird.

Die Gruppe der Stadtverwaltungen, Gemeinwesenarbeit und Quartiersmanagements verfolgt einen mehrgliedrigen Ansatz.  Aktionen aus der Bewohner:innenschaft wie Müllsammelaktionen oder Aktionswochen sollen für das Problem sensibilisieren und an die Eigenverantwortung der Bewohner:innen appellieren. Außerdem kann durch die Vernetzung der verschiedenen Quartiersakteure das Problem gemeinsam angegangen und eine gemeinsame Lösung gefunden werden. Das kann zum Beispiel eine Meldestelle sein, so dass Konflikte schnell und effektiv bearbeitet werden können.

Die Gruppe der politischen Bildung verfolgt zwei Stränge. Einerseits soll die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert und die Eigenverantwortlichkeit gestärkt werden. Andererseits und darauf aufbauend kann durch die Selbstorganisierung der Bevölkerung Druck auf Politik und Verwaltung ausgeübt werden, um die Verantwortung nicht allein bei der Mieter:innenschaft zu belassen. Die Formate sind vielfältig und reichen von Bürger:innenversammlungen, um die Menschen ins Gespräch zu bekommen, bis hin zu einer übergeordneten Auseinandersetzung damit, wie sich die Bewohner:innen von Grüntal einen lebenswerten Stadtteil vorstellen.

Diskussion der Ansätze

Die unterschiedlichen Ansätze werden anhand von vier Skalen ausgewertet. Folgende vier Fragen werden den Teilnehmenden gestellt:

  • Verbessert der Ansatz das Problem langfristig oder kurzfristig?
  • Setzt der Lösungsansatz auf die Verantwortung der Bevölkerung oder auf die Verantwortung von (politischen) Institutionen?
  • Beachtet die Lösung viele Interessen oder ist sie einseitig?
  • Wird eine zwischenmenschliche oder eine allgemein verbindliche Lösung angestrebt?

Die Antworten zeigen, dass die Ansätze ganz unterschiedliche Auswirkungen für das Quartier haben. Manche Ansätze sind auf Langfristigkeit angelegt, andere hingegen bearbeitet das Problem eher kurzfristig, wie z. B. Müllsammelaktionen. Einige Ansätze beachten viele Interessen und andere sind einseitig.

In Arbeitsgruppen werden die Ansätze weiter diskutiert. Es wird deutlich, dass durch einseitige Lösungsstrategien Konflikte entstehen können, da nicht alle Interessen Beachtung finden. Daher müssen unterschiedliche Interessen berücksichtigt und demokratische Prozesse ermöglicht werden. Zudem sollten die Lösungsansätze kombiniert werden. Eine kurzfristige Lösung des Problems ist genauso notwendig wie die Arbeit an einer langfristigen Lösung bspw. durch Sensibilisierung oder Selbstinteressenvertretung gegenüber der Kommunalpolitik.

In den Arbeitsgruppen wird außerdem über das Spezifische am Ansatz der politischen Bildung im Quartier diskutiert. Politische Bildung arbeitet mit unterschiedlichen Schritten:

  1. Problem identifizieren und verstehen;
  2. Ursachen und Verantwortung für das Problem diskutieren;
  3. Sich eine Meinung / ein Urteil bilden;
  4. Ziel ist politisches Handeln.

Politische Bildung möchte langfristige Verbesserungen erreichen und setzt daher auf strukturelle Veränderungen. Dazu sollen (politische) Institutionen in die Verantwortung gezogen werden, um benachteiligte Quartiere stärker zu berücksichtigen. Wichtig ist es, Entscheidungsprozesse anzustoßen, die viele Interessen berücksichtigen und demokratisch organisiert sind. Es geht zudem darum, über die politischen Dimensionen von Alltagsthemen aufzuklären, um Betroffene zu befähigen, selbst für ihre Interessen einzutreten.

Datum:

17.03.2022

Kontakt:

Maëlle Dubois
m.dubois@minor-wissenschaft.de

Die Praxisforen finden im Rahmen des Projektes PartQ – Aufsuchende politische Bildung im Quartier statt.

Das Projekt wird gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung.